Zeitreise zum Gipfel: Die historische Seele der Zugspitze

Wer heute auf Deutschlands höchstem Gipfel steht, ist umgeben von modernster Seilbahntechnik und Aussichtsplattformen aus Glas und Stahl. Doch unter dem Beton schlägt das Herz einer über 200-jährigen Alpingeschichte. Begleite uns auf einer historischen Spurensuche durch rund um die Zugspitze bis zum Münchner Haus – ein Gipfel, der schon für die Pioniere der Alpenerschließung Legende war.

Der wilde Auftakt: Die Höllentalklamm

Unsere Reise beginnt tief unten, wo der Hammerbach das Gestein geformt hat. In einer Zeit, als das Bergsteigen noch ein echtes Abenteuer ohne gesicherte Wege war, galt die Klamm als unpassierbar.

  • Historischer Fakt: Mit der Erschliessung des Loisachtals durch eine Eisenbahnverbindung nach München, hielt der Fremdenverkehr Einzug im Werdenfelser Land. Zwischen 1902 und 1905 erfolgte dann die aufwendige Erschliessung der Höllentalklamm unter der Leitung von Adolf Zoeppritz. Über 600 Kilo Dynamit wurden eingesetzt, um die Tunnel und Stege in den Fels zu sprengen.

Rast zwischen den Felsen: Die Höllentalangerhütte

Nach dem Durchstieg der Klamm öffnet sich der weite Höllentalanger. Der Begriff Anger stammt ursprünglich aus dem Germanischen und bedeutet weite Grasfläche. Hier im weitläufigen Talbodens des Höllentals steht die Höllentalangerhütte.

  • Historie: Die erste Hütte wurde bereits 1894 errichtet. Sie war eine schlichte Unterkunft, die im Laufe der Jahrzehnte mehrmals den Naturgewalten (Lawinen) trotzen musste. 2015 wurde sie durch einen modernen Neubau ersetzt, der die Massen an Gipfelaspiranten während der Sommersaison bewirtschaftet und beherbergt.

Wo die Luft dünner wird: Das Brett und der Ferner

Der Aufstieg führt uns weiter zum berüchtigten „Brett“. Diese grifflose, fast senkrechte Passage über eine Kalkplatte ist bis heute mit den historischen Stahlstiften gesichert, war aber für die frühen Gipfelaspiranten eine enorme psychologische Hürde. So sehr sogar, dass sie einen gänzlich anderen Weg in das Höllentalkar gewählt haben. Die ersten geführten Touren durch das Höllental auf die Zugspitze führten durch die Ausläufer von Mattheisen- und Grieskar auf der gegenüberliegenden Seite.

  • Der Höllental Klettersteig: 1893 wurde der erste Klettersteig vom Höllentalferner in Richtung Zugspitzgipfel angelegt und seither immer wieder erneuert. Vor allem am Übergang vom Gletscher zur Felswand musste in den letzten Jahren aufgrund des sich zurückziehenden Höllentalferners immer wieder Hand angelegt werden.
  • Der Höllentalferner: Damals war der Gletscher noch eine mächtige Erscheinung am Fuße des Jubiläumsgrates. Wo man heute oft über Schutt zum Einstieg des Klettersteigs gelangt, mussten die Pioniere schon längst das Gletschereis laufen und tiefe Gletscherspalten überwinden.

Der erste Stützpunkt für Alpinisten: Die Knorrhütte auf dem Zugspitzplatt

  • Knorrhütte (2.051 m) – Die Wiege des Zugspitz-Tourismus: Sie ist weit mehr als nur ein Stützpunkt; sie ist der Ursprung der touristischen Erschließung des gesamten Gebiets. Erbaut im Jahr 1855, war sie die erste Schutzhütte im gesamten Zugspitzmassiv. Ohne die Knorrhütte wäre der lange Aufstieg durch das Reintal für die frühen Alpinisten kaum zu bewältigen gewesen. Sie war das Tor zum Gipfel und machte die Zugspitze erstmals für Bergwanderer zugänglich, lange bevor Bahnen und Klettersteige den Berg eroberten. Übrigens: Der Erstbesteiger Joseph Naus und seine Begleiter mussten 1820 in der Nähe der heutigen Bockhütte Rast machen, denn die Knorrhütte eröffnete erst 35 Jahre nach der Erstbegehung des Vermessungsbeamten aus München.

Der Adlerhorst in der Westflanke: Die Wiener Neustädter Hütte

  • Wiener Neustädter Hütte (2.205 m): Auf der Westseite des Wettersteinmassivs, im Österreichischen Schneekar, unterhalb des berühmten Stopselziehers, thront diese Hütte seit 1884. Sie ist eng mit der Geschichte der ersten Drahtseilbahn verknüpft, da sie während der Bauarbeiten in den 1920er Jahren als strategischer Stützpunkt diente.

Das Ziel: Das Münchner Haus und der „nackte“ Gipfel

Wer den Gipfel erreichte, fand seit dem 19. September 1897 Zuflucht im Münchner Haus. Im Bild unten kann man die erste Ausbaustufe des Münchner Hauses, die Wetterwarte und sogar das Gipfelkreuz am rechten Bildrand erkennen.

  • Historie: Es wurde von der Sektion München des deutschen Alpenvereins zwischen 1894 und 1897 erbaut. Die Hausnummer „Partenkirchen 1“ wird heute bereits in der 4. Generation von der Familie Barth betrieben.
  • Der Gipfel ohne Beton: Stell Dir vor, der Ostgipfel ohne die riesige Bergstation der Tiroler- und Eibseeseilbahn. Das goldene Gipfelkreuz (das Original von 1851 wurde von Pfarrer Christoph Ott gestiftet) stand frei auf dem Fels, nur flankiert vom Münchner Haus und der meteorologischen Station. Damals ein Anblick von wilder, unberührter Erhabenheit. Heute Zeugnis der Entwicklung von modernster Infrastruktur auf knapp 3.000 Metern über dem Meeresspiegel.

Die Zugspitze: Das höchste der Gefühle

Die Zugspitze ist viel mehr als ein Tourismusmagnet. Für uns ist sie Heimat, Arbeitsplatz und ein Denkmal des Alpinismus. Hinter jedem Aufstieg verbirgt sich eine kühne Erschliessungsgeschichte und jede dieser Hütten erzählt von Wagemut, harter Arbeit und der Liebe zu den Bergen. Wenn Du das nächste Mal dort oben stehst, halte kurz inne – der Geist der Pioniere wandert noch immer mit.

Bildquellen: Bayerische Zugspitzbahn, 2025