Durchs wilde Karwendel

Karwendel – das ist der Inbegriff von unberührter Natur und schroffen Gipfeln, von herber Schönheit und wilder Einsamkeit. Je nach Blickwinkel wirkt das Karwendel mal massiv und unzugänglich wie mit der steilen und abweisenden Nordkette, mal märchenhaft und verträumt wie am Ahornboden bei Hinterriß. Bereits zu Beginn der ersten Etappe des Karwendel-Höhenweges schlendert man durch einen Märchenwald, wie man ihn noch nie gesehen hat. So vergehen die gut 800 Höhenmeter zum Solsteinhaus wie im Flug, der Weg ist mit seiner gleichmäßigen Steigung und seinen Schatten spendenden Waldhängen wie geschaffen für die Einstimmung auf diese mehrtägige Durchquerung. Bei der Gabersalm öffnen sich Landschaft und Panorama mit voller Wucht, 1000 Höhenmeter über dem Inntal, aber genauso 1000 Höhenmeter unter den Sollsteingipfeln fühlt man sich im Naturpark Karwendel angekommen. 

Blick zurück auf die erste und zweite Etappe des Karwendelhöhenweges

Urwälder und Wildflüsse

Mit über 700 km2 ist er der größte Naturpark in Österreich. Er reicht vom Achensee bis nach Mittenwald und von Innsbruck bis zur deutschen Grenze südlich des Sylvenstein Stausees. Man findet hier Urwälder und Wildflüsse sowie eine großartige Flora und Fauna. Die Kontraste zwischen Zivilisation und Natur, zwischen steilen Gipfeln und lieblichen Tälern, zwischen verträumten Almen und schattigen Felswänden könnten dabei kaum größer sein. Diesen urgewaltigen Gebirgsteil der Nordalpen auf einem Höhenweg zu durchwandern, erscheint zunächst sehr vermessen. Der Karwendel-Höhenweg findet aber geschickt die Schwachstellen zwischen den unzugänglichen Gebirgszügen und ist für trittsichere und erfahrene Wanderer in Begleitung eines Bergführers gut und mit Genuss zu schaffen. Dabei wird einem aber nichts geschenkt. Die Wege sind schmal und teilweise unheimlich ausgesetzt, sie heißen bedeutungsschwer Gipfelstürmer-, Adler- und Goetheweg oder gar Wilde-Bande-Steig. Dass wir am Gipfelstürmerweg keinen Gipfel erstürmen, am Adlerweg keinen Adler zu Gesicht bekommen und den Goetheweg eher als brave Bergsteiger denn als wilde Bande begehen, geschenkt! Alles in allem passen die Namen dann doch irgendwie. Im steilen Kar zur Frau Hitt-Scharte fühlen wir uns tatsächlich wie angehende Gipfelstürmer, am Adlerweg blicken wir aus der Vogelperspektive auf die Landeshauptstadt Tirols und ja, wild muss die Bande gewesen sein, die sich Wege wie vom Stempen- zum Lafatscherjoch durch steilstes Fels- und Schrofengelände ausgedacht hat. 

Hoch über dem Inntal auf dem Weg vom Hafelekar zur Pfeishütte

Von wilden Banden und wilden Bergen

Tatsächlich ist die „Wilde Bande“ eine Bergsteigergruppe, die bereits 1878 gegründet wurde und unter anderem diesen abenteuerlichen Steig erbaute. Der Magie des Karwendels konnten sich vor über 150 Jahren Naturfreunde und Bergsteiger nicht entziehen. Die Berichte der Erstbesteiger und Erschließer lesen sich spektakulärer als die vieler heutiger Expeditionen. Man versetze sich nur ins Jahr 1855: Zusammen mit einem Wildschützen bestieg Ludwig von Barth zum ersten Mal den Großen Bettelwurf, diese furchteinflößende Steilwand 2000 Meter über dem Inntal. Sie begannen ihre Tour bei den Herrenhäusern, stiegen weglos zum Lafatscher Joch und weiter über Schrofen und den steilen Fels des Eisengattergrates zum Gipfel. Das alles mit einer schweren und (aus heutiger Sicht) wenig tauglichen Ausrüstung, ohne Wetterapp und selbstredend ohne Tourenbeschreibung. Der Startschuss für die touristische Erschließung war gefallen und knapp 40 Jahre später, am 8. September 1894, erfolgte bereits die Einweihung der Bettelwurfhütte, die wir am dritten Tag des Karwendel-Höhenweges erreichen. Wie an einem dermaßen exponierten Platz ohne Hubschrauber und Materialbahn (die gibt es erst seit 1966) eine Hütte gebaut werden konnte, übersteigt unsere heutige Vorstellungskraft

Abendstimmung vor der Bettelwurfhütte

Erleben und Genießen

Um so schöner, dass wir auf den Hütten genauso gastfreundlich empfangen werden, wie wir uns das aus der Erschließerzeit vor-
stellen. Das Essen ist vorzüglich – mit Liebe und aus regionalen Zutaten zubereitet – die Hüttenabende lassen genügend Zeit, um in der bewegten Karwendel-Geschichte zu „wühlen“ oder einfach für gute Gespräche bei Bier und Wein (oder einem anderen Getränk). Auch Vroni, die Wirtin der Pfeishütte, ist seit vielen Jahren dem Karwendel-Virus verfallen. Begeistert erzählt sie von den umliegenden, meist unbekannten Gipfeln, die für gute Geher das höchste der Gefühle seien. Das glauben wir gerne, auch wenn das schrofige, absturzgefährdete Steilgelände nicht mehr en vogue und die Spezies der „guten Geher“ eher im Aussterben begriffen ist – heute sind Klettersteige und Plaisirklettern die Trends im Gebirge. Der Karwendel-Höhenweg ist da ein guter Kompromiss: Zwar ist er alles andere als ein Spaziergang und deutlich anspruchsvoller als die bekannten Alpenüber-
querungen, dafür bietet er mit vielen ausgesetzten, spärlich abgesicherten
Passagen unvergleichliche Eindrücke und Ausblicke. Aus unserer Sicht zählt er damit in Kombination mit den außergewöhnlich gut geführten Stützpunkten zu den schönsten und erlebnisreichsten Höhenwegen der Alpen!